Navid Tschopp 
«Polarization”


StudioK3, 18. Juni – 4. Juli 2020

Navid Tschopp nimmt in seinen neusten Arbeiten Bezug auf die Topologische Agenda, eine Arbeit im öffentlichen Raum Zürichs, die in diesen Tagen 10 Jahre alt wird. Damals bewarf der Künstler, immer wenn er dort vorbeikam, die dunkle Metallfassade des Heizkraftwerks Josefstrasse mit weissen Magneten. So schuf er über einen längeren Zeitraum ein auf dem dunklen Grund leuchtendes riesiges Punktefeld, welches der kargen Fabrikfassade räumliche Tiefe und malerische Qualitäten verlieh. Mitten in der Stadt entstand so ein Sternenhimmel. Sein subtil-subversives Werk, das später in den Besitz der Stadt Zürich überging, wird womöglich nicht mehr lange existieren: Das Heizkraftwerk Josefstrasse soll in einigen Jahren abgerissen werden. (Von Navid Tschopp stammte übrigens auch der Schriftzug ‚Resistance‘, der jahrelang an einem dem Untergang geweihten alten Haus neben dem schicken ‚Renaissance‘-Tower stand).

Der temporäre Ausstellungsraum des Studiok3, welcher sich in der ehemaligen Zentralwäscherei befindet, liegt einen Steinwurf von Tschopps stadtbekanntem Kunstwerk an der Josefstrasse. Von StudioK3 kurzfristig eingeladen nahm Tschopp das zehnjährige Jubiläum seiner Arbeit zum Anlass, sich erneut mit dem Thema Magnetismus auseinander zu setzen und neue Werke ‚Fresh from the Studio‘ zu präsentieren. Diesmal dienen Tschopp Auto-Motohauben, im Brockenhaus gefundene Bankschliessfächer und ein im Ausstellungsraum vorhandener Radiator als ‚Bildträger‘ für weisse und farbige Magneten. Navid Tschopp schafft auf den verschiedenen Oberflächen malerisch wirkende Felder mit leuchtenden Punkten und bewegt sich dabei im Spannungsfeld zwischen Zufall und bewusster Setzung.

Bei den glänzend polierten Motorhauben spielt er mit der Tiefenwirkung, der Perspektive und der flächigen Anordnung der Magneten darauf. Der Blick der BetrachterInnen findet kaum Halt zwischen der vermeintlichen Raumtiefe im Spiegelbild der Hauben und dem abstrakten Punktefeld auf der Oberfläche. Die Magneten sind scheinbar beiläufig, aber doch bewusst verteilt, kein Ornament, aber auch nicht totaler Zufall – eine Herausforderung für das betrachtende Auge.

Aus den blauen Metall-Schliessfächer, in welchen früher Dokumente oder Schmuck lagerten, macht Tschopp, indem er sie ihrer ursprünglichen Funktion beraubt und als Neunergruppe vertikal an die Wand hängt, ebenfalls zu Bildträgern. Er bringt auf ihnen grosse runde Magneten an, die er mit Eisenspänen belegt. Indem er die Späne mit roter, gelber, schwarzer, weisser und grauer Farbe besprayt, macht er aus ihnen korallen- oder blumenartige Gebilde. Am Boden vor der Installation liegt eine der Safe-Schubladen halb geöffnet und mit Eisenstaub bepudert. Dieses bringt, von einem darunter gelegten Magneten angezogen, eine zarte, nahezu organische Struktur hervor.

Auf seiner Suche nach magnetischen ‚Polarizations‘ evoziert Navid Tschopp in seinen neuen Fotoarbeiten in der Ausstellung wissenschaftlich anmutende Bildwelten. Ausgangspunkt für die Fotoarbeiten waren die Magnet-Feldlinien, die er mit künstlerischen Mitteln nachgestellte. Aus der Nähe betrachtet, entpuppen sich die scheinbaren Kraftlinien und Strukturen als irisierendes Farb-Feuerwerk.

Sandi Paucic, StudioK3